Manierlich, wie wir unsere Lieblingsnazis mittlerweilen erzogen haben, begrüßte uns auch schon Mike Nwaiser und wir gratulierten ihm zu seinem Auftritt im Videomitschnitt zu Stolberg im RTL Nachtjournal. Niemand taucht galanter unterm Banner weg und rangelt am Rande des Blocks mit der Polizei. Er schien sich geehrt zu fühlen, das Angebot zum Gruppenkuscheln lehnte er jedoch dann doch - wenn auch zögerlich - und zaghaft rückwärts gehend ab. Wirkt vllt auch etwas martialisch, wenn 15 uniformierte FDÄler mit ausgebreiteten Armen langsam auf einen zukommen. Immerhin brachte ihm diese Kontaktaufnahme wüste Beschimpfung durch einen seiner eigenen Kameraden ein. Worte, die ich hier sicher nicht wiedergeben werde (das NFD liest mit), welche aber aus dem Lager der Gegendemonstranten applaudiert und belacht wurden.
Die dann beginnende Nazi-Mahnwache war von Pannen arg geplagt. Nicht nur, dass Wuttke mit dem Lautiwagen sich ganz schön Zeit ließ, weshalb das Theater erst ne ganze Stunde später beginnend konnte, als geplant und daher „nur“ insgesamt eine Stunde in Anspruch nahm – die Polizei war nicht bereit, die Show zu verlängern… sehr anständig. Nein, auch schaffte man es zu Anfang nicht, die wenigen Fallobstler in anständiger Formation aufzustellen. Geschlagene 10 Minuten lang standen also während der ersten Rede, die eine Hälfte mit dem Gesicht zu uns und die andere mit dem Gesicht zum Lautiwagen. Man sollte meinen, dass das irgendwann auffällt. Und so ein Mist, vermummen durfte man sich auch nicht. Noch dazu war natürlich die Musik ziemlich unvorteilhaft. Man sollte nicht Walzer und ähnlich anmutende Stücke spielen, wenn die Apfelfront anwesend ist. So tanzten wir also durch die Fußgängerzone, starteten später zu den Gesängen der Antifa („Happy Burning to you,… lieber Reinhold, Happy Burning to you“) eine Polonaise, verteilten zwei Packungen Apfelringe an Passanten, Team Green und Gegendemonstranten, posten gar lieblich für die bekannten Nazifotografen, gruppenkuschelten und informierten die Umstehenden.
Um 21.00 Uhr wurde der braune Spuk beendet, der Käfig geöffnet, dass Fallobst nach rechts eskortiert. Wir entschieden uns für links. Doch es ertönte ein heiserer Schrei. Schock – fehlt was, was ist los? Wir hatten Kerner vergessen! Der war noch so mit den Nazis beschäftigt, dass er erst jetzt nachkam. Eine unverzeihliche Nachlässigkeit unsererseits. Intensives Streicheln, Umarmen und Liebkosen folgten umgehend und so marschierte der Großteil der Gruppe gen U-Reichsbahn, der Gauleiter und ich Richtung Automobil. Und siehe da, Boskop war uns hold, die Nazis kreuzten erneut unseren Weg und die Gelegenheit ließen wir uns nicht entgehen. Ein außergewöhnlich höfliches Exemplar rief nach hinten: „Mike, die da wollen dich noch verabschieden.“ Tatsächlich kam dann noch eine kleine kurze Plauderei zu Stande (das nächste Mal hoffentlich mit Keksen und Kaffee), bevor sich unsere Wege nun endgültig trennten.
Fazit:
Unsere erzieherischen Maßnahmen tragen langsam Früchte. Ich bin mir sicher, wir kommen irgendwann auch ohne Wuthöhle und Stille Treppe aus, und vllt, aber nur vllt schaffen wir es sogar mal, dass alle frisch geduscht zur Demo kommen. Der Rest ließe sich sicherlich schon in unseren Umerziehungslagern richten. Die Klamotten- und Stylingfrage macht mir allerdings noch arg Sorgen.
Zitate des Tages:
Zum stellvertretenden Gauleiter: „Welchen Nazi meinst du?“ – „Den mit der Glatze.“
Nazifotograf zum lieblich posenden FDÄler Kerner: „Boah, nicht du schon wieder.“
Weisheit des Tages:
Ein Demotag beginnt dann gut, wenn man parkt, sich telefonisch nen Überblick verschafft, aussteigen möchte und beim Make-Up-kontrollierenden Blick in den Rückspiegel nen Glatzkopf an der Heckscheibe hängen sieht, der grad den Anti-Nazi-Aufkleber abpuhlen will.
Heil Boskop!
Bilder von der Reinhold Elstner Gedächtnis-Party:
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